Argumentation

Was darf ich noch sagen, wenn der Hate Storm mich erfasst?

Sage das, wohinter du langfristig stehen kannst. Anders als der Merkfähigkeit unseres Gehirns sind dem Gedächtnis des Netzes keine Grenzen gesetzt. „Das Internet vergisst nie“, lautet eine geflügelte Wendung. Und es stimmt: Wurde eine Information oder ein Foto erst einmal kopiert oder weiterverbreitet, lassen sich Inhalte schwierig noch vollständig bereinigen. Der Anspruch an die Gültigkeit von Inhalten wächst, weil jeder Tweet, jeder Blogbeitrag, jedes Foto irgendwann wieder hervorgeholt werden kann.

In Twitter können beispielsweise tausende von Tweets oder Verbindungen aufgerufen werden. Twitter-Collagen sind ein probates Mittel, um deine Botschaften aus dem Zusammenhang zu reißen und eine gewünschte Aussage in Stein zu meißeln. Je nach Gestaltung dieser Collagen kannst du als Verfasser dieser Aussagen schnell als Sexist, Rassist, Männerfeind herhalten und in die Ecke gedrängt werden. Nicht nur diese Praxis hat öffentliche Personen wie Journalisten und Politiker in den USA dazu bewegt, frühzeitig digitale Hygiene zu betreiben und Tweets rückwirkend zu löschen.

Auch auf Instagram bleiben deine Fotos der Welt erhalten, denn Online-Instagram-Viewer wie Pictame oder Picbear spiegeln deine Fotos, sofern die Einstellung deines Profils öffentlich ist. Selbst wenn du ein ungünstiges Bild auf Instagram löschst, bleibt es in dem Archiv dieser Instagram-Viewer und somit über die Bildersuche von Google aufrufbar. Websites wie dowloadgram ermöglichen sogar das Herunterladen deiner Bilder und Instagram-Stories – und machen sie für gute oder schlechte Zwecke weiter nutzbar.

Wenn Webseitenbetreiber Inhalte löschen, sind sie damit auch noch lange nicht aus der Welt. Die Suchmaschine Google etwa kopiert Seiten aus dem Netz in einen Zwischenspeicher, weil Google so schneller darauf zugreifen kann. Dort werden sie nicht gelöscht, wenn sie offline gehen. Sie rutschen nur immer tiefer in das Archiv. Auffindbar sind sie immer noch.

Nach einem Urteil des europäischen Gerichtshofs von 2014 wurde zwar Personen erlaubt, Informationen aus den Google-Suchergebnissen zu entfernen. Allerdings nur, sofern deren persönliches Interesse schwerer wiegt als das Interesse an entsprechenden Suchergebnissen. Heißt: Wenn du „eine Person des öffentlichen Interesses” bist, bleibt eine Löschung aus. Darüber befindet der Suchmaschinenbetreiber Google. Somit sind Konflikte nicht ausgeschlossen. Ab wann bist du eine Person des öffentlichen Interesses? Und was passiert, wenn der Wirbel um deine Person öffentliches Interesse entfacht? Diese heiklen Fragen bleiben bis dato ungelöst. Eine Löschung in den Suchergebnissen kann ein probates Mittel sein, den digitalen Ruf wiederherzustellen. Auf welchen Grundlagen eine Löschung erfolgt bleibt jedoch undurchsichtig. „Das Recht auf Vergessen“, gilt nur bedingt für „Personen des öffentlichen Interesses“.

Die digitale Nabelschau steht immer noch in einem krassen Missverhältnis zu unseren Fähigkeiten, individuell auf hohem Niveau digital zu kommunizieren. In Zeiten, in denen jeder Privatmann ist, bevor er plötzlich zum Pressesprecher seines eigenen Shitstorms gemacht wird, bieten uns Twitter, Google und Facebook immer noch zu wenige Möglichkeiten unsere eigenen Inhalte zu kontrollieren und zu führen. Solange sich das nicht ändert, gilt die achtsame Regel: „Zeige das und formuliere so, dass du langfristig dahinterstehen kannst.“

 

Weitere Themen

aus dem Bereich Q & A

Werde aktiv gegen Massenhass

Unterstütze uns – jede Spende hilft Betroffenen

Jetzt
spenden