Geplant

Ein Hate Storm hat einen Ablauf und verfolgt ein Ziel

Hate Storms sind alles andere als Zufallsphänomene. Ihr Verlauf ist meistens ähnlich – Ihre Betreiber folgen einer klaren Strategie.

Entladung

Kein Zufall aber eiskaltes Kalkül

Die Idee eines Shitstorms ging immer von einer Art zufälligem Online-Aufstand aus. Zum Beispiel wegen skandalöser Arbeitsbedingungen einer Marke oder wegen eines Skandals. Hate-Storms, also digitaler Massenhass, um den es uns geht, passiert nicht zufällig. Dieser Hass entlädt sich nicht aus Versehen, sondern ist kollektiv und ideologisch geformt. Die Angreifer haben dich ausgesucht, weil du in ihr Raster der Wahrnehmung passt und werden versuchen die Attacke aufzublasen, damit er in alle Richtungen anschwellen kann. „Handbuch für Medienguerillas” nennt sich zum Beispiel eine Publikation der „Generation D”.

Im Kern geht es in diesem Manual um Hetzkampagnen im Internet, um die Manipulation der öffentlichen Meinung durch gezielte Falschinformationen, Fake-Accounts und gefälschte Photoshop-Montagen wie etwa bei prominenten Menschen, die Plakate hochhalten. So werden ausgerechnet aus Erinnerungsposts des Regierungssprechers Steffen Seibers oder der Moderatorin Anne Will zum Holocaust-Gedenktag neue Schablonen, die gegen die Integration von Flüchtlingen hetzen. 

 

Ein Hate-Storm hat dabei eine Struktur, einen Anfang und ein Ende. Wie ein Theaterstück wird ein Thema von Hass-Influencern eingeführt und in sozialen Ebenen als Problem präsentiert. Dann folgt der Mob. Zehn Angreifer im Netz können, wenn sie gezielt vorgehen, sich schnell wie Hunderte anfühlen. Nicht selten produziert dein gegnerisches Lager ständig Output und nutzt Eskalationsdynamiken von sozialen Medien wie Trending Topics in Twitter oder Interaktionen in Facebook, um Aufmerksamkeit zu erzielen.

 

Zunehmend werden solche Angriffe auch von nicht-menschlichen Akteuren – den sogenannten Bots – unterstützt, oder halbautomatisierten User-Bot-Netzwerken. Diese Tools vervielfältigen etwa Tweets und erwecken künstlich den Eindruck der Masse.

Hass mit System

Vom falschen Zitat zur unberechtigten Kritik breiter Bevölkerungsschichten.

Ein prominentes Beispiel einer konzertierten Kampagne war die Causa Margot Käßmann. Im Mai 2017 kritisierte die Theologin die AfD für ihre Forderung nach einer höheren Geburtenrate der einheimischen Bevölkerung. Diese entspräche „dem kleinen Arierparagraphen der Nationalsozialisten: Zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern, da weiß man, woher der braune Wind weht“.

 

Wenige Tage später wurde Käßmann zum Ziel eines Hate-Storms. Ihr Zitat wurde vielfach falsch, verkürzt oder grob aus dem Kontext gerissen wiedergegeben, so dass der Eindruck erweckt wurde, Käßmann habe alle deutsche Eltern als Nazis bezeichnet. Die Falschdarstellung löste eine große Welle der Entrüstung in den sozialen Netzwerken aus, insbesondere auf Twitter. Eine vollständige Aufarbeitung des Vorfalls findet ihr hier auf Übermedien.

 

Der Kommunikationswissenschaftler und Datenanalyst Luca Hammer hat den Hate-Storm exemplarisch anhand des Hashtags #Käßmann untersucht. Er fand 9.242 Tweets von 2.992 Twitter-Accounts, die aktivsten Profile hatten 30 bis 50 Tweets zu diesem Thema veröffentlicht.

 

Empfehlungsalgorithmen in sozialen Medien beeinflussen, auf welche Inhalte wir im Netz stoßen und Bots können menschliches Kommunikationsverhalten im Netz simulieren. „Sie können zudem anderen Nutzern folgen und Beiträge kommentieren“, sagt Simon Hegelich im Deutschlandfunk. Der Professor an der Hochschule für Politik in München ist sich sicher, dass solche Programme etwa in der Flüchtlingsdebatte aktiv sind und Hashtags wie #refugeesnotwelcome weiterverbreiten.

Soziale Medien

Äußerungen Abseits der Meinungsfreiheit werden auch online sanktioniert

Ein Hate-Storm ist kein juristischer Begriff. Dennoch berühren Hasskommentare rechtliche Grundlagen, die nicht von dem Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt sind. Prinzipiell gilt: Was offline strafbar ist, ist auch online strafbar und kann angezeigt oder angeklagt werden. Dabei ist zu beachten, dass Strafverfolgung und Klagen oft langsam sind, nicht der Dynamik des Internets entsprechen und keine Soforthilfe bieten. Für dich wichtig ist die Unterscheidung in strafrechtliche und zivilrechtliche Schritte. 

Das Strafrecht regelt das Verhältnis zwischen dem Staat und einem Straftäter. Hierbei kann jeder deutsche Bürger eine Strafanzeige stellen, wie im Falle der Volksverhetzung. Mit einer Ausnahme: Die Beleidigung. Eine Beleidigung wird nur auf Antrag der Beleidigten von der Polizei verfolgt. 

Das Zivilrecht hingegen regelt das Verhältnis zwischen den einzelnen Bürgern untereinander. Hierbei wird gegen eine Person Klage vor Gericht erhoben. Nur du oder dein Anwalt können das. Ein zivilrechtlicher Anspruch ist zum Beispiel die Erstattung auf Schmerzensgeld. Die Durchsetzung zivilrechtlicher Ansprüche im Internet stoßen in der Praxis noch auf Schwierigkeiten, weil die Identität des Angreifers oder eine ladungsfähige Anschrift oft schwer zu ermitteln sind. Mittlerweile gibt es Möglichkeiten, dich als Betroffener an Plattformbetreiber wie Facebook zu wenden. Unser Kooperationspartner HateGuard wird in den kommenden Monaten die Arbeit aufnehmen und dich bei zivilrechtlichen Schritten zu unterstützen. 

Auch wenn rechtliche Schritte mühsam sind. Die Fälle gegen Hasskommentare häufen sich. Wir bieten dir einen ersten Überblick über alle Strafbestände, die von Hasskommentaren berührt werden mit dem Hinweis: Dies ist keine Rechtsberatung und ersetzt nicht den Gang zur Anwältin oder zum Anwältin.

Du befindest dich in einem Hate Storm. Oder es zieht einer auf?

Hier findest du Tipps, was zu tun ist.

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